Was mein Wissen um meine Scannerpersönlichkeit angeht, so kann ich mein Leben zweiteilen, in die Zeit vor 2011 und danach. Hier erfährst du, welche Probleme ich hatte, bevor ich wusste, was mit mir los ist.
Warum wird mir alles langweilig?
Die berufliche Zeit in meinem Leben, die am besten zu meinen Begabungen gepasst hat, war meine Dozententätigkeit an der Bibelschule Kirchberg. Die Schule war und ist sehr unkonventionell und ich hatte viele Freiräume, meinen Unterricht zu gestalten. So konnte ich mich kreativ austoben, ohne jede Begrenzung. Da ich, wie viele Scanner, Routinearbeit hasse, habe ich den Unterricht jedes Jahr komplett neu vorbereitet.
Damals sind mir zwei Dinge aufgefallen, die ich bei mir als großes Defizit wahrgenommen habe. Das eine war, dass mir immer wieder Dinge langweilig wurden, sobald sie fertig gedacht waren oder ich sie verstanden hatte.
Das betraf vor allem organisatorische Veränderungen oder Visionsprozesse, in denen die Schule steckte. Solange diese sich in der Planungsphase befanden und es darum ging zu analysieren, zu planen und zu denken, war ich motiviert dabei, sobald es aber in die Umsetzungsphase und in konkretes Handeln ging, war ich unmotiviert. Das habe ich lange für einen großen Fehler von mir gehalten, denn was nutzt alles Planen, wenn es in der Umsetzung nicht funktioniert.
Auch bei Unterrichtsthemen und Gemeindemitarbeit ging es mir genauso. Wenn ich das Gefühl hatte, ich habe das jetzt mal gemacht, wurde es zur Routine – dann musste etwas Neues her.
Das zweite Problem war, dass ich oft zu schnell und zu sprunghaft in meinen Gedanken war. Was für mich nur ein Nachjustieren von Ideen war, also eine kleine Veränderung, wurde von anderen oft so empfunden, dass ihnen das alles zu schnell ging. So habe ich angefangen, mich zurückzuhalten und mich selbst zu begrenzen. Viele Ideen und Gedanken behielt ich für mich, um andere nicht zu verwirren.
Hurra, ich beginne etwas Neues
Nicht nur, weil ich etwas Neues machen wollte, habe ich dann 2003 angefangen, als Pastor zu arbeiten. In meiner ersten Gemeinde, in der ich zehn Jahre geblieben bin, habe ich gelernt, mich durchzubeißen und auszuhalten, selbst wenn es schwierig ist. Ich hatte das Gefühl, dass diese Lektion dran war und Gott mir das verordnet hatte. Für diese Erfahrung bin ich auch dankbar, weil ich jetzt weiß: Wenn es sein muss, dann kann ich es doch – Kontinuität und Schwierigkeiten aushalten. Insgesamt waren meine Erfahrungen mit den Menschen dort äußerst positiv. Die Leute mochten mich und ich mochte die Leute. Wenn es nur darum gegangen wäre, hätte ich noch viele Jahre dort bleiben können. Aber ich bekam nach fünf Jahren massive Probleme.
Auf dem Weg in den Boreout
Mir war, was als Pastor schwierig zu sagen ist, langweilig. Das Anforderungsprofil entsprach sehr einem traditionellen Pastorenbild. Viele Besuche wurden erwartet, aber das lag mir nicht. Smalltalk strengt mich an und ich bekomme auf dieser Ebene auch keinen tieferen Zugang zu den Menschen. Mit meinen anderen Arbeiten (Predigten, Andachten, Gruppenstunden) war ich immer ziemlich schnell fertig. So hatte ich oft viel Zeit übrig. Das hört sich schön an, war aber nur schwer auszuhalten, denn kein Pastor hat Zeit übrig. Es gibt schließlich immer noch mehr zu tun in einer Gemeinde. Das Problem war aber, es gab nichts, was mich gefordert hätte und meinen Begabungen entsprach. Mit der Zeit
kämpfte ich immer mehr mit einem schlechten Gewissen. War das o.k., Zeit übrig zu haben? Muss ich nicht mehr arbeiten? Dieser innere Konflikt war latent immer vorhanden und meldete sich ständig. Viel Energie in meinem Leben ging verloren, weil ich mich mit diesem schlechten Gewissen auseinandersetzen musste, da ich mich immer wieder fragte: Darf ich so sein – ist das nicht verantwortungslos?
Zunehmend wurde ich motivationsloser. Ich musste mich zur Arbeit aufraffen. Was mir Spaß gemacht hatte – Predigen und Lehren – wurde zu einer großen Herausforderung.
Mein Zustand verschlimmerte sich immer mehr. Schlechte Laune, schlechtes Gewissen und Schuldgefühle nahmen zu und waren ständige Begleiter. Ich verlor meine Lebensfreude bis zu einem Punkt, an dem ich merkte, dass nichts mehr geht. Ich fürchtete mich davor, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen könnte, eine Beerdigung zum Beispiel, und dann würde etwas mit mir passieren. Ich wusste nicht was, aber ich wusste, dass meine negativen Gefühle, die ich nur mit Not kontrollieren konnte, völlig außer Kontrolle geraten würden.
Erst ein Gespräch mit meiner Mentorin öffnete mir die Augen. Gisela hörte sich meine Geschichte an und sagte dann: „Die Sache ist völlig klar. Du langweilst dich, weil du unterfordert bist. Du hast einen Boreout.“ Ich hatte nicht nur das Gefühl, endlich verstanden und als Person anerkannt zu werden, sondern es fiel auch eine riesige Last von mir ab. Sie machte mir klar, was ich selbst so bisher nicht gesehen hatte, dass ich nämlich in vielen Dingen in meinem Beruf wesentlich schneller war als der Durchschnitt und dass das schön, andererseits aber auch das Problem ist.
Ich beschloss, die Gemeindeleitung darüber zu informieren, wie es mir ging. Allerdings schilderte ich vor allem meinen schlechten psychischen Zustand. Was das wirkliche Problem war, sagte ich nur einzelnen Menschen, denn das Verständnis wäre nicht so groß gewesen. Die Gemeinde genehmigte mir eine vierwöchige Auszeit. Diese Zeit nutzte ich nicht zum Nichtstun, sondern machte ein Praktikum in der DE’IGNIS Klinik Altensteig. Dort hatte ich ein paar Jahre vorher eine therapeutische Fortbildung gemacht, zu der ein Praktikum gehörte, das ich bisher nicht absolviert hatte.
Die Zeit dort war produktiv und wertvoll. Ich bemerkte, dass ich mich mit dem, was ich kann, nicht verstecken muss, sondern mich mit meinem Wissen und meiner Arbeit mit dem Personal messen konnte. So hatte ich das Glück, die eine oder andere Gruppe auch alleine leiten zu dürfen und bekam viel positives Feedback der Patienten. Ich merkte, dass ich nicht das Nichtstuns brauchte, um mich zu erholen, sondern dass die beste Erholung eine wirkliche Herausforderung war, der ich mich stellen konnte.
Ich bin ein Scanner
Ich wechselte dann 2013 die Stelle, um mich neuen Herausforderungen zu stellen. Zunächst lief auch alles gut, die neue Gemeinde forderte mich mehr und vor allem anders. Doch nach drei Jahren waren das Gefühl der Langweile und des schlechten Gewissen wieder da.
Wieder war es Gisela, die inzwischen wohl einige neue Bücher gelesen und sich selbst besser kennengelernt hatte und mir so den vorläufig letzten Schlüssel zu meiner Person geben konnte. Sie sagte mir, dass sie den Verdacht habe, dass ich zu den Scannerpersönlichkeiten gehören würde und empfahl mir das Buch „Außergewöhnlich NORMAL“. Dieses Buch und die Bücher von Barbara Sheer kann ich dir nur dringend empfehlen, falls du sie noch nicht gelesen hast. Sie waren für mich existenziell wichtig. Jetzt wusste ich, warum ich so war und dass ich o.k. bin, so wie ich bin.
Wie finde ich als Scanner meine Berufung?
Das hat mein Leben verändert. Heute weiß ich, dass ich als Scanner einen Weg gehen darf, der abseits der Erwartungen anderer zu mir passt. Ich weiß, dass Gott mich so gemacht hat, wie ich bin und dass ich mein „Licht leuchten lassen darf“, auch wenn das nicht jeder versteht. Vor einem Jahr habe ich mit meiner Promotion begonnen, seitdem habe ich das Gefühl, mich intellektuell austoben zu können, was mir wirklich guttut. Meine eigene Persönlichkeit immer wieder mit dem Willen Gottes abzugleichen ist eine wichtige Aufgabe, bei der ich immer mehr erfahre, dass Jesus mir sagt: Sei der, der du bist, so kannst du mich am besten verwirklichen. Freunde, die selbst nicht zu den „Normalen“ gehören, sind wichtige Ratgeber und eine Quelle der Ermutigung und Inspiration, die ich brauche und die du brauchst, um deine Stärken zu sehen und deine negativen inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Wer sich auf den Weg macht, sein hoch- und vielbegabtes Leben zu entfalten, der kommt schnell an die Frage:
Habe ich das Recht auf meinen eigenen Weg? Darf mich an dieser Stelle wirklich so ernst nehmen? Und vor allem, gibt es wirklich auf dieser Welt einen Platz, den Gott für mich so vorbereitet hat, dass er zu meinen Gaben, meiner Person und meiner Berufung passt? Ja, das darfst du, denn gerade die Ernsthaftigkeit, mit der du diese Frage stellst zeigt, wie weit du davon entfernt bist, deinen eigenen Weg zu gehen. Vielmehr sind es unsere hohen Idealvorstellungen als hoch- und vielbegabte Menschen, die uns dazu bringen, kritischer mit uns selbst ins Gericht zu gehen, als Jesus es jemals tun würde. Als hoch- und vielbegabter Mensch darfst du mit David sagen: „Du hast mir Raum zum Leben verschafft“ (Psalm 31,9/GN).
