Hoch – und Vielbegabt – eine Definition

Viele hoch- und vielbegabte Menschen nehmen sich selbst gar nicht als solche wahr. Oft liegt das daran, dass sie ihre Leistungen nicht als außergewöhnlich ansehen. Vieles geht ihnen leicht von der Hand. Für sie ist das, was sie tun und denken, das Normale. Meist erreichen sie es ohne einen allzu großen Aufwand. Vor allem aber liegt es daran, dass Hochbegabung nach wie vor für viele Menschen eine Sache des IQs, eines sehr guten Abiturs oder Hochschulstudiums ist. Hochbegabung hat in unserem Kulturkreis vor allem mit außergewöhnlichen schulischen Leistungen zu tun. Dies ist natürlich eine Form der Hochbegabung, aber  – wie man heute weiß –  nur eine von vielen.

Künstler, die vor Ideen nur so übersprudeln, Menschen, die in Bruchteilen von Sekunden die Stimmung einer Gruppe erfassen können und Leute, die intuitiv immer zu schnellen und guten Ergebnissen kommen, wissen  häufig nicht, dass sie hochbegabt sind.

Intelligenz ist mehr als akademisches Wissen

Über den Bereich der „klassischen“ Intelligenz hinaus beschreiben Forscher heute auch andere Formen. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist Howard Gardner. In seiner in den 1980er Jahren entwickelten Theorie der „multiplen Intelligenzen“ kam er zu der Erkenntnis, dass Hochbegabung viele Formen der Intelligenz umfasst.  Dabei fasst er Intelligenz als die Fähigkeit auf, in einem kulturellen Kontext besonders schnell und gut zu Analysen, Lösungen und Ideen zu kommen, die der Lebenswirklichkeit entsprechen. Er unterscheidet zwischen folgenden Formen:

Sprachlich-linguistische Intelligenz   – Menschen mit dieser Begabung mögen guten, anspruchsvollen sprachlichen Ausdruck und haben die Fähigkeit und den Spaß, sich in Worten auszudrücken. (Berufe mit hohem Maß an Redemöglichkeiten, Autoren, Blogger, Tagebuchschreiber, ….)

Logisch-mathematische Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung vertiefen sich gerne in mathematische, naturwissenschaftliche und logische Probleme und finden leicht deren Lösungen. (Naturwissenschaftler, Informatiker, logisch orientierte Lösungsansätze,  …)

Musikalisch-rhythmische Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung spielen häufig mehrere Instrumente und lernen diese schnell. Sie haben einen leichten Zugang zu musikalischen Ausdrucksformen. (Musiker, Komponisten,…)

Bildlich-räumliche Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung können sich in großen Räumen  schnell orientieren oder aber kleinere Räume und deren Wirkung erfassen und gestalten. (Piloten, Architekten, Künstler, …)

Körperlich-kinästhetische Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung verfügen über eine große Fähigkeit, ihren Körper in sportlicher, künstlerischer oder präziser Arbeit zu nutzen. (Sportler, Tänzer, Chirurgen, technische Berufe, ….)

Naturalistische Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung können durch ihre Beobachtungen der Welt wichtige Rückschlüsse für das Leben ziehen. (Naturforscher, Landwirte, Umweltaktivisten, ….)

Interpersonale Intelligenz (auch emotionale oder soziale Intelligenz) – Menschen mit dieser Begabung haben die Fähigkeit, eigene und fremde Motive, Gefühle und Absichten leicht zu erkennen, zu verstehen und zu durchdenken.  Sie können gut andere Menschen führen. (Leiterpersönlichkeiten, Psychologen, Pädagogen, Verkäufer, …)

Existenzielle Intelligenz – Menschen mit dieser Begabung können die Fragen der  menschlichen Existenz hinsichtlich der Sinnfrage, des Todes und des Lebens durchdenken  und Antworten geben. (Theologen, Philosophen, …)

 

Was sind Hoch- und Vielbegabte?

Hoch- und vielbegabte Menschen sind also solche, die in einer oder mehreren dieser Kategorien erleben, dass sie schneller als andere Menschen sind, talentierter oder leicht zu guten Ergebnissen kommen.

Allerdings zeigt sich Hoch- und Vielbegabung für viele Betroffene meist nicht darin, dass sie ihre Stärken sehen, sondern darin, dass sie sich als anders als andere Menschen erleben und ihre Art zu sein, zu denken, zu arbeiten und ihre Persönlichkeit häufig zu besonderen Problemen im Arbeitsleben und Miteinander führt.

Hoch- und vielbegabt zu sein bedeutet in erster Linie, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu haben. Dazu zählt zum Beispiel

  • unabhängiges und originelles Denken
  • leichtes, oft autodidaktisches Erlernen von Fähigkeiten oder Themenfeldern
  • der Gedanke, etwas Großes im Leben erreichen zu wollen
  • häufiges Hinterfragen der eigenen Person
  • immer wiederkehrende schnelle Abbrüche von Berufen und Aufgaben, weil sie langweilig erscheinen
  • hoher Anspruch an sich selbst, verbunden mit hohen Idealen von Menschen, Gemeinden und Beruf
  • kreatives künstlerisches Potenzial und großes Freiheitsbedürfnis.

Diese und andere Persönlichkeitsmerkmale geben, mehr als der IQ, einen sicheren Hinweis darauf, dass ein Mensch hoch- und vielbegabt ist.

Diese Merkmale führen häufig dazu, dass es Hoch- und Vielbegabte in einem Umfeld schwer haben, in dem es auf Kontinuität, Bewahrung des Alten, Einordnung in ein System oder Routine ankommt. Sie können ihre Träume, ihre Ideale und ihre vielen Ideen nicht so leben, dass sie es als befriedigend erleben und neigen dann dazu, sich selbst zu hinterfragen. Sie glauben, dass es ihr Fehler ist, nie glücklich, ausgeglichen, diszipliniert und für lange Zeit mit einer Aufgabe zufrieden sein zu können, wo es doch alle anderen scheinbar sind. Der Leidensdruck kann mit der Zeit so zunehmen, dass es zu den typischen Problemen, kommt, die ich auf den nächsten Seiten und aus meiner eigenen Erfahrung hier beschreibe.

Wenn du beim Durchlesen von Gardners Intelligenzen immer noch nicht weißt, ob du hoch- oder vielbegabt bist, findest du auf der nächsten Seite eine Reihe typischer Probleme und Herausforderungen von Hoch- und Vielbegabten, anhand derer du sehen kannst, ob du einer von uns bist.