Selbst zehn Schubladen wären zu wenig für mich
Die Einordnung in einen bestimmten Typen der Hoch- und Vielbegabung fällt mir schwer. Man kann mich mit einem großen Mosaik vergleichen oder noch besser mit einem Mosaik mit vielen verschiedenen Bildern. Oder wie ein Film, der aus vielen Szenen besteht. Oder wie ein Prisma, in dem die verschiedenen Situationen des Lebens – wie beim Sonnenlicht – die verschiedenen Farb-Facetten meiner Persönlichkeit aufspalten und zur Entfaltung bringen.
Hervorstechend ist eine hohe Empathie gegenüber Menschen. Manchmal weiß ich schon, was das Gegenüber sagen wird, bevor es ausgesprochen ist. Manchmal „sehe“ ich die Seele des anderen. Ich habe gelernt, geduldig abzuwarten, ob sich das bestätigt. Es fällt mir leicht, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen, so dass der Andere einen leichteren Zugang dazu hat. Hier habe ich gelernt, dies nur zu tun, wenn es gewünscht wird oder packe es in die Gestaltung von Seminaren hinein.
Außerdem fordern mich Probleme ganz allgemein heraus, kreative Lösungsansätze zu entwickeln und diese dann umzusetzen. „Funktionieren“ Lösungen nicht (mehr), bin ich schnell bereit, neue Lösungen zu suchen und zu finden. Das bezieht sich auf mein persönliches Leben, aber auch auf mein Leben in meinen beruflichen Rollen. Ich bin ein Entwickler, der sich autodidaktisch vieles selbst aneignet.
Herausforderungen haben mich aufblühen lassen. Die normale Routine kann mich langweilen, so dass ich gelernt habe, meine Aufgaben abwechslungsreich zu gestalten. Ich arbeite sehr rasch und bin sehr entschlussfreudig.
Ich habe den Eindruck, dass es nicht leicht ist, ein Gegenüber zu finden, mit denen ich über all meine verschiedenen Interessen austauschen könnte und die sich auf die Vielfältigkeit einstellen würden. Ich möchte nicht bewundert oder beneidet werden, sondern wünsche mir Menschen, die sich von meiner Hoch- und Vielbegabung nicht beeindrucken oder abschrecken lassen. Dankbar bin ich für unterschiedliche Menschen, mit denen ich mein Erleben und meine Gedanken teilen kann.
Oft brauche ich das Alleinsein, um die vielen Impulse zu verarbeiten, die in vielen Ebenen in mir abgelaufen sind.
Als Scanner einen roten Faden gefunden
Darüber hinaus gilt mein Interesse vielen verschiedenen Wissensgebieten, z.B. Naturwissenschaften und Astrophysik, aber auch für viele andere Themen kann ich mich begeistern. Da bin ich als Scanner unterwegs, lese viel und studiere unterschiedliche Themen, die mich „anfliegen“.
Es ist ganz natürlich für mich, auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig oder nebeneinander zu denken oder zu fühlen. Hier habe ich gelernt, den „Hauptstrang“ zu erkennen, den ich dann kommuniziere oder für mich selbst ausdrücke, um mich selbst und andere nicht zu überfordern.
Schreiben ist ein wichtiges Mittel, um meiner Vielschichtigkeit gerecht zu werden und mit mir in guter Weise umzugehen. So schreibe ich Bücher und Gedichte und setze mich mit mir selbst und anderen beim Schreiben auseinander. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Persönlichkeit nicht nur – im Bild gesprochen – ein Garten ist, sondern eine weite und große Landschaft mit vielen unterschiedlichen Ebenen.
Was ist falsch an mir, dass ich so anders bin?
Das Entdecken und das Bewusstsein meiner Hoch- und Vielbegabung war eine Entwicklung über viele Jahre. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mir das zugestehen und natürlich darin leben konnte. Noch heute kann mir immer wieder der Gedanke kommen, ob ich mir das nicht alles einbilde.
Seit ich denken kann, habe ich mich anders wahrgenommen als andere. Das empfand ich aber eher als Makel, schämte mich dafür oder habe mich sogar schlecht gefühlt. Immer wieder wunderte ich mich darüber, als ich merkte, dass andere mich beneiden oder dass sie mich als arrogant und überheblich wahrnahmen.
Da ich unter dieser Situation gelitten habe, lernte ich mich zu verstecken und bin zum Chamäleon geworden, ohne mir das aber bewusst vorzunehmen. Es war eine kreative und effektive Schutzhaltung – das checkte ich aber erst später.
Es gab immer wieder mal Menschen, die Verständnis für mich aufbrachten, aber es gab eigentlich niemand, der mir mal gesagt hätte: „Du bist vielseitig, facettenreich und hochbegabt und das ist cool!“ Aber auch wenn das jemand zu mir gesagt hätte, bin ich mir nicht sicher, ob ich damit hätte was anfangen können.
So habe ich versucht, mich anzupassen oder danach gesucht, wie ich nun „richtig“ sein sollte, um verstanden zu werden. Ich versuchte mich oft meinem Gegenüber zu erklären in der Hoffnung, dass ein besseres Verständnis entstehen würde. Je mehr ich aber zu mir stehen konnte und mein Anderssein verstand, umso weniger hatte ich dazu das Bedürfnis.
Gewundert habe ich mich, dass es mir oft in Beziehungen und Gruppen entweder langweilig war oder ich mich von den vielen Eindrücken und Impulsen, die ich wahrnahm, überfordert fühlte. Das fand ich selbst aber so merkwürdig und unangenehm, dass ich oft den Eindruck hatte, mit mir würde etwas nicht stimmen.
Hoch- und Vielbegabung - eine neue Sicht auf mein Leben
Nachdem mir immer mehr klar wurde, dass ich hoch- und vielbegabt bin, habe ich viele meiner Reaktionen im Nachhinein besser verstanden. Das hat eine große Erleichterung in mir ausgelöst, aber auch ein Erstaunen. Es war jedes Mal ein Highlight, wenn ich auf Gleichgesinnte traf. Das gemeinsame Arbeiten (z.B. in der Begleitung und Seelsorge) mit solchen Menschen oder der Austausch mit ihnen im freundschaftlichen Kontext macht mir besonders Spaß und inspiriert mich ungemein. Zum einen ermutige und motivieren ich gern, die Hoch- und Vielbegabung wahrzunehmen. Zum anderen genieße ich den Austausch auf Augenhöhe und die gegenseitige Inspiration, die in der Seelsorge genauso geschehen kann wie auch im freundschaftlichen Kontext.
Leben mit einer Berufung
Mit großer Dankbarkeit kann ich feststellen, dass ich beruflich und persönlich meine Berufung schon sehr lange leben kann. So leite ich eine Lebensgemeinschaft, in der ich zusammen mit einem Team viele Menschen fördern kann. Dabei ist mir ein besonderes Anliegen, dass Menschen in ihre Identität und Persönlichkeit hineinwachsen. Gleichzeitig lasse ich mich von anderen inspirieren. Darüber hinaus unterstütze ich in Seelsorge-Gesprächen den Einzelnen, damit er ihren Weg in die Veränderung und Heilung finden können. Und in meine Freizeit integriere ich meinen Wissensdurst.