Sabine

Bunt – begabt

Dieses Jahr werde ich 49. Fast ein halbes Jahrhundert lang – mehr als ein halbes Leben – lebte ich an meiner Persönlichkeit vorbei. Erst durch die Lektüre Außergewöhnlich normal von Anne Heintze – angestoßen in einem Seelsorgegespräch vor drei oder vier Jahren – bin ich überhaupt drauf gekommen, dass ich hoch-/vielbegabt sein könnte, oder wie es Heintze nennt, ein „buntes Zebra“.

Ich ein buntes Zebra? Auch nach mehreren Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema Hochsensitivität/-sensibilität und Hoch-/Vielbegabung kann ich es irgendwie immer noch nicht wirklich glauben. Outete ich mich im Familienkreis, befürchtete ich, man würde mir Überheblichkeit vorwerfen.

Ich bin Busfahrerin im öffentlichen Verkehr – ein ganz normaler Beruf, oder etwa nicht? Nun gut, ich habe in interkultureller Theologie in England promoviert. Und vorher war ich fast ein Jahrzehnt in der Bibelübersetzungsberatung in Afrika tätig, habe an einem theologischen Institut angehende afrikanische Pfarrer unterrichtet und Seminare gehalten. Und noch vorher habe ich Jugendarbeit gemacht, Vollzeit, in der Landeskirche, habe Religionsunterricht erteilt, gepredigt, Taufgottesdienste gehalten, eine Jungschar und unzählige Freizeiten geleitet. Ah, und ursprünglich absolvierte ich eine Handelsschule und jobbte in Büros. Eigentlich wollte ich mal Lehrerin werden, hatte auch alle Empfehlungen von Prüfungsexperten in der Tasche – aber ich hatte Angst, später auf dem Beruf zementiert zu sein, deshalb entschied ich mich damals dagegen. Heute – oder besser zurzeit – arbeite ich wie schon gesagt als Busfahrerin und im Nebenjob als Fernkursdozentin an einem theologischen Institut. Zugegeben, mein beruflicher Werdegang ist ein bisschen hüst und hott … aber irgendwie… doch… normal, oder etwa nicht!? Da lacht jemand, lacht mir amüsiert ins Gesicht und schüttelt den Kopf. Wie kannst du nur meinen, dass du NORMAL bist, unbunt?

Also gut. Nehmen wir mal an, ich gehöre zu dieser vielbegabten Spezies. Bin ich Expertin? HSP (highly sensitive person)? Scanner? Ich weiß nicht – Labels wollen so nicht zu mir passen. Mich dem einen oder anderen Typen von Hoch-/Vielbegabung zuzuordnen würde mich einengen, würde ein Gefühl auslösen, in einen Setzkasten gestellt zu werden, um mich so verstehen oder besser handhaben zu können – schubladisiert und eingegrenzt. Aber wer Fragen stellt, möchte eine Antwort bekommen. Also nochmal: Expertin oder HSP oder Scanner? Meine Antwort: ja.

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Expertin

Würde mich jemand von außen auf meine Begabung hin testen wollen, käme dieser jemand bestimmt auf die sprachlich-linguistische Intelligenz zu sprechen. Wie sonst würde er sich erklären, dass auf meinem Nachttisch nicht etwa ein Krimi liegt (die ich sehr gerne lese), sondern ein Etymologisches Wörterbuch oder das Duden-Fremdwörterbuch, in die ich vor dem Einschlafen gerne meine Nase stecke? Schreiben tue ich fast fürs Leben gern. Als 16 Jährige habe ich in der Schule dem Deutschlehrer die Kommafehler korrigiert; heute fallen mir überall, sei es im Fernsehen, bei Nachrichtensprechern, bei Moderatoren und Kommentatoren, in Zeitungen und Magazinen Fehler oder unstimmige Sprachbilder auf, gesprochene und schriftliche – ich suche sie nicht, sie fallen mir einfach auf – oder sie mich an. Auch predige ich liebend gern. Es macht mir große Freude, Bibeltexte sprachlich genauer zu betrachten, Zusammenhänge zu erklären, hebräischen und griechischen Worten auf den Grund zu gehen, ihre Bedeutung fruchtbar zu machen für einen Glauben, der im montäglichen Alltag hält, was er am Sonntag verspricht. In meinem Kopf sind schon so manche Buchprojekte entstanden – verwirklicht habe ich leider noch keines auch nur annähernd.

 

DAS alles würde wohl in die Schublade „Expertin“ passen. Da ist aber noch dieses HSP.

 

HSP

Ich leide manchmal darunter, dass ich (fast) alles höre – auch das, was nicht für meine Ohren bestimmt ist (…wenn das meine Fahrgäste wüssten…). Eine unpassende, gemurmelte Bemerkung höre ich ebenso deutlich wie eine ungestimmte Saite einer Gitarre oder wie eine Sopran Stimme, die den hohen Ton nicht ganz erwischt und ihn „hochdrücken“ muss.

Ich sehe, was ich nicht sehen sollte, nehme Gerüche und Geräusche intensiv wahr. Es kann vorkommen, dass ich mitten in der Stadt auf einem öffentlichen Platz meinen Kopf in einen großen Blumentopf stecke, weil die Blumen darin so wunderbar riechen. Oder ich bleibe vor einem duftenden Rosenstrauch stehen und lasse das Parfum meine Sinne fluten. Ich habe schon mal mit dem Gedanken gespielt, eine Ausbildung zur Sommelière zu absolvieren.

Ich kann Kleidungsstücke nicht ausstehen, die hinten noch Zettel drin haben, die mir leicht  am Hals kratzen. Als Kind hasste ich Strumpfhosen, weil sie nach dem Baden immer so furchtbar brannten auf meiner Haut. Auch sonst gab es immer wieder Kleidungsstücke, die ich nicht ausstehen konnte, die mir irgendwie „gefühlsmäßig“ nicht passten. Erklären konnte ich das damals nicht. Anziehen musste ich sie trotzdem.

Ich sehe, höre, rieche, schmecke (fast) alles. Ich rieche, wenn etwas in der Luft liegt zwischen Menschen. Ich spüre Falschheit und Unechtes. Ich schmecke Freundlichkeit und Liebe. Es gibt Momente, in denen ich schon im Voraus weiß, was mir ein Mensch im Gespräch anvertrauen möchte. Manchmal ahne ich Dinge, die dann auch tatsächlich passieren – ziemlich unheimlich, selbst für mich. Früher war mir meine Hochsensitivität und -sensibilität eine Last, etwas, das ich nicht haben wollte, wegzudrücken oder gar ersticken versuchte. Heute betrachte ich sie als eine Begabung. Und doch denke ich manchmal, dass ich mir das alles nur einbilde.

Und mit DEM allem wäre die Schublade HSP gefüllt. Aber da ist noch was…

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Scanner

Es befriedigt mich gleichermaßen, alten Leuten das Ein- und Aussteigen im Bus zu erleichtern – und vielleicht einen dankbaren Blick zu ernten, ein Lächeln oder erhobenen Daumen – wie mich in die mind-boggling Beobachtungen der Quantenphysik einzudenken. Lernen, wie ein Motor funktioniert? Was erfolgreiche Werbung ausmacht? Meine Rudertechnik verfeinern? Vogelstimmen zuordnen können? Afrikanische Buschtrommel lernen? Ich bin dabei! Hobbies? Lesen, Rudern, Motorradfahren, Gleitschirmfliegen, Wandern, Herumhängen, mehrstimmig Singen im Chor (am liebsten acapella), Nachdenken, Zeichnen, mit anderen Grillen und ein gutes Gläschen Wein trinken, Reden, Austauschen, Geselligkeit genießen, alleine pilgern gehen…

Ist es typisch, dass meine Doktorarbeit theologisch-linguistisch-soziologisch-anthropologisch fachübergreifend war? Und dann mein beruflicher Werdegang: Ich bin möglicherweise – zu all dem obendrauf – ein Scanner? Noch weiß ich nicht, wie ich positiv mit diesem Teil meiner Persönlichkeit umgehen kann.

Bin ich ein Scanner? Wenn ja, kommt mein momentaner Beruf als Busfahrerin einer Scanner-Tendenz wohl entgegen. Kein Tag ist wie der andere, obwohl sich die verschiedenen Routen wiederholen. Keine (Straßen-) Situation ist gleich; ich muss die Lage immer wieder neu beurteilen und ohne Zögern entscheiden können. Mal fahre ich in der Stadt, mal auf dem Land, mal gemütlich, mal in der Stoßzeit, mal um 5 Uhr früh, mal um 11 Uhr nachts. An einem Tag fahre ich den Bus aus der Garage, ein andermal stelle ich ihn dort ein und wieder an einem anderen Tag löse ich einen Kollegen auf der Linie ab. Fahrtechnik ist ebenso gefragt wie Umgang mit Fahrgästen. Technik, Ruhe, Geduld, Menschenkenntnis, Freundlichkeit, Durchhaltevermögen… Und falls es mir einmal doch langweilig werden sollte, kann ich mich auf Trolleybus und Tram weiterbilden lassen. Und (m)ein erstes Buch schreiben.

Einfach anders

In welche Schublade ich auch immer gesteckt werde, macht, was ihr wollt. Eines aber ist klar: Ich bin „anders“. Dieses Anderssein ist ein Lebensgefühl, das mich seit Kindheit begleitet.

 

Verschiedene Personen im nahen Umfeld meiner Familie haben mir mein „Anderssein“ als Kind bestätigt. Meine Mutter hätte sich besorgt darüber geäußert, dass etwas mit mir nicht stimme. Auch sei ich mit meiner Aufgewecktheit und Lebendigkeit geradezu herausgestochen. Nur wurde ich so oft von Erwachsenen „korrigiert“, bis ich mir und meiner Wahrnehmung nicht mehr über den Weg traute. Mit 18 wagte ich mich dann in die weite Welt, flach gedrückt und genormt.

 

Früher wie heute leide ich darunter, dass tiefe Freundschaften nur an einer Hand abzuzählen sind. Ich habe das ungute Gefühl, dass die Menschen, mit denen ich Freundschaften aufbauen und pflegen möchte, irgendwie überfordert sind mit meiner Art – und sie wiederum für mein Empfinden so oberflächlich und einfach gestrickt daherkommen. Seit ich aus Afrika zurück bin (und das ist jetzt ein paar Jahre her!), habe ich in der Gemeinde noch kaum wieder Fuß gefasst. Gottesdienste empfinde ich oft als langweilig, so 0-8-15, ohne „Biss“, und ich bleibe den meisten Veranstaltungen fern. Gehe ich trotzdem mal wieder hin, endet es meistens in einem Frusterlebnis. Also packe ich lieber meine Sachen fürs Rudertraining – um dann doch den Austausch mit anderen Christen arg zu vermissen. Die Suche nach tragender Kameradschaft, seelenverwandten Geschwistern und ähnlich tickenden Menschen geht weiter. Es gibt sie – habe ich mir sagen lassen.